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Objektgruppe Keramik

Ofenkacheln

Herrscher auf Ofenkacheln

  • Abb. 1

    Abb. 1

  • Abb. 2

    Abb. 2

  • Abb. 3a

    Abb. 3a

  • Abb. 3b

    Abb. 3b

  • Abb. 4

    Abb. 4

  • Abb. 5

    Abb. 5

  • Abb. 6

    Abb. 6

  • Abb. 7

    Abb. 7

  • Abb. 8a

    Abb. 8a

  • Abb. 8b

    Abb. 8b

  • Abb. 9

    Abb. 9

  • Abb. 10

    Abb. 10

  • Abb. 11

    Abb. 11

  • Abb. 12

    Abb. 12

  • Abb. 13a

    Abb. 13a

  • Abb. 13b

    Abb. 13b

  • Abb. 13c

    Abb. 13c

  • Abb. 14

    Abb. 14

Teil einer Raumkunst in Häusern waren neben bemalten Decken und Bildern an Wänden auch Kachelöfen in der Stube. Tatsächlich finden sich unter den in Lüneburg ausgegrabenen Ofenkacheln zahlreiche mit Herrscherdarstellung. Vollständige Öfen sind nicht überliefert. Bei Ausgrabungen im Erdgeschoss eines Hauses auf dem Grundstück „Auf der Altstadt 29”, in dem seit dem frühen 16. Jahrhundert Töpfer wohnten und arbeiteten, konnten in der rückwärtigen Ecke der Stube in konzentrierter Lage zahlreiche schwarz glasierte Ofenkacheln geborgen werden. Diese Blattkacheln lagen direkt auf dem Fußboden und weisen auf ihren Rückseiten Rußspuren auf. 13 dieser Kacheln zeigen Darstellungen von Herrschern. Der Begründer des Schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich I. (1503–1554) (Abb. 1), ist mit Kurzschwert und Hut nach einer 1537 geprägten Medaille dargestellt. In der Ernestinischen Linie folgen Johann Friedrich II. (1529–1595) (Abb. 2), Johann Wilhelm I. (1530–1573) (Abb. 3) und Friedrich Wilhelm I. (1562–1602) (Abb. 4). Ein Großteil der graphischen Vorlagen stammt von Lucas Cranach dem Jüngeren (1515–1586). Während diese Herrscher der Reformation zugetan waren, blieb Herzog Georg (1471–1539) aus der Albertinischen Linie der Sachsen bis zu seinem Tod Gegner religiöser Neuerungen (Abb. 5). Für seine Berücksichtigung spricht nicht nur die verwandtschaftliche Beziehung, sondern auch sein Eintreten für eine Disputation zwischen Martin Luther (1483–1546) und Johann Eck (1494–1554), dem fränkischen Reformator, im Jahre 1518. Ein Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553) von 1534 kann als Vorlage angesehen werden. Weitere Bildkacheln stellen Fürst Philipp Wilhelm von Oranien-Nassau (1554–1618) (Abb. 6), König Sigismund III. Wasa (1556–1619) mit der Unterschrift „…NPOLEN” nach einem Kupferstich von Dominicus Custos (Abb. 7), Kaiser Rudolf II. (1552–1612) (Abb. 8a, b) und Kaiser Matthias von Österreich (1557–1619) (Abb. 9 und 10) dar. Matthias von Österreich erscheint in zwei Versionen als Brustbild mit der Unterschrift „MAT.DVX.OTERI” und als Hüftbild mit der auf dem Kopf stehenden, unter einer dicken Glasurschicht nur schwer. Drei Portraits sind nicht zu identifizieren, obwohl ein kleines Fragment die Unterschrift „VXSAX” trägt. Die einzige weibliche Person, die auf einer Ofenkachel dieses Fundkomplexes dargestellt ist, kann als Anna von Österreich (1549–1580) angesprochen werden (Abb. 11). Anna von Österreich heiratete 1570 Philipp II., den König von Spanien.

Unter den Funden der Töpferei, in deren Haupthaus der vorgestellte Kachelofen stand, befinden sich sieben Model für die Produktion von Kacheln mit folgenden Portraits: Johann Wilhelm I. (Abb. 12), Matthias von Österreich (Abb. 13a-c) und Philipp von Oranien (Abb. 14) und vermutlich Kurfürst Johann Georg von Brandenburg (1525–1598) (Abb. 15). Weiterhin wurden Ofenkacheln mit dem Portrait Jakobs VI. von Schottland (1567–1625) (Abb. 16), des Kurfürsten Johann Friedrich I. nach einer Vorlage von Lucas Cranach d.J. (Abb. 17) und des Kaisers Rudolf II. nach einem Kupferstich von Dominicus Custos hergestellt (Abb. 18). Ein kleines grün glasiertes Fragment weist die Inschrift „ANNASOP…H∙ZV∙ME…” auf (Abb. 19), sicherlich Anna Sophie von Mecklenburg (1591–1648). Ein weiteres Fragment zeigt ein weibliches Portrait, das sowohl mit der Bezeichnung „DIE KONIGIN IN POLEN” als auch mit der Umschrift „DIE KÖNICHIN VON DENNEMARK” bekannt ist (Abb. 20). „DIE KONIGIN IN POLEN” bezeichnet entweder Anna von Polen (1573–1598), die Tochter Sigismunds I. – sie wurde 1575 zur polnischen Herrscherin proklamiert –, oder Anna von Österreich (1573–1598), die 1592 Sigismund III. Wasa (1566–1632) heiratete. „DIE KÖNICHIN VON DENNEMARK” ist bisher nicht identifiziert.

Aus einer Kloake vom Grundstück „Auf der Altstadt 30” wurde eine Serie von grün glasierten Blattkacheln geborgen, die von einem Ofen stammen können. Folgende Portraits können identifiziert werden: Christian IV. von Dänemark (1577–1648) (Abb. 21a), Jakob VI. von Schottland (1567–1625), Matthias von Österreich (1557–1619) (Abb. 22), Philipp Wilhelm von Oranien-Nassau (1554–1618), Rudolf II. (1552–1612) (Abb. 23) und wiederum ein weibliches Portrait, das sowohl mit der Bezeichnung „DIE KONIGIN IN POLEN” als auch mit der Umschrift „DIE KÖNICHIN VON DENNEMARK” bekannt ist (Abb. 24a, b).

Neben den bisher vorgestellten Fundkomplexen sind aus der Lüneburger Altstadt nur vereinzelte Ofenkacheln mit Herrscherportraits bekannt, von denen die identifizierbaren Portraits vorgestellt werden sollen. Aus einer Kloake der Patrizierparzelle „Große Bäckerstraße 26” stammt eine grün glasierte Ofenkachel mit der Umschrift „H∙E∙V∙POMEREN” und in einer Kartusche die Datierung „1566” (Abb. 25). Der Rahmen und die Datierung sind von einer Reihe von Ofenkacheln mit unterschiedlichen Zentralmotiven bekannt, u. a. im Altbestand des Museums Lüneburg. Die Dargestellte trägt Kleidung im Stil der Renaissance. Die Dargestellte kann als Erdmuthe von Brandenburg (1561–1623) identifiziert werden, die durch Heirat mit Herzog Johann Friedrich von Pommern (1542–1600) Herzogin von Pommern wurde. Sie war die älteste Tochter des brandenburgischen Kurfürsten Johann Georg (1525–1598), dessen Portrait in der oberen Kämmereidiele des Lüneburger Rathauses hängt. Als Einzelfund vom Grundstück „Koltmannstraße 3” liegt das Fragment einer grün glasierten Ofenkachel mit der Darstellung eines Mannes im Harnisch und dem Reichsapfel in der rechten Hand vor (Abb. 26). Bei der Ganzfigur handelt es sich um Kaiser Karl V. (1500–1558) im Harnisch mit Schwert und Reichsapfel.

Ein weiteres grün glasiertes Kachelfragment stammt aus einer Kloake der Parzelle „Bei der St. Johanniskirche 19”, dargestellt ist Kaiser Rudolf II. (1552–1612) (Abb. 27). In einer Kellerverfüllung aus der Parzelle „Auf der Altstadt 48” lag das Fragment einer grün glasierten Ofenkachel mit der Darstellung eines Mannes, der eine Schärpe trägt und als Herzog Johann Albrecht II. von Mecklenburg-Güstrow (1590–1636) identifiziert werden (Abb. 28). Schließlich ist eine Eckkachel mit einer Herrscherdarstellung, die in der Unterschrift als „PALSGRAF” bezeichnet wird, zu nennen (Abb. 29a, b, c). Die Kachel aus einer Kloake der Parzelle „Große Bäckerstraße 6/7” weist an ihrer Ecke das Wappen der Stadt Lüneburg auf.

Als Beweggründe für die Bemalung von Decken in repräsentativen Räumen mit Folgen von mythischen und historischen Herrschern, vorrangig römische, byzantinische und deutsche Kaiser und Könige, und mit alttestamentlichen Helden sowohl im öffentlichen als auch im privaten Räumen wird ein moralischer Anspruch deutlich, Vorbilder werden dargestellt, Ahnenreihen konstruiert und humanistische Bildung wird widergespiegelt. Auch für die Herrscher- und Heldendarstellungen auf Ofenkacheln gelten diese Gründe, doch der Kachelofen in der Stube ist privater, obwohl dieser Raum auch der Repräsentation und dem Geschäft diente. Die Motive der Kacheln verschieben sich auf eine etwas andere Ebene. Während an den Decken ausschließlich Kaiser und Könige dargestellt werden, erscheinen auf Ofenkacheln auch Kurfürsten, Herzöge, Pfalzgrafen und Fürsten, ein Niederschlag des Erstarkens der landesherrlichen Territorialgewalten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Weiterhin treten zeitgenössische Herrscher auf, die der Reformation zugetan waren oder diese vertraten. Der Kachelofen wird zu einem Medium, mit dem Weltanschauungen ausgedrückt werden.

Die Kombination protestantischer und katholischer Herrscher spiegelt die Situation im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wider. In der Hierarchie des Reiches regierten auch protestantische Landesherren Herrschaftsgebiete unter einem katholischen Kaiser.

  • Abb. 15

    Abb. 15

  • Abb. 16

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  • Abb. 17

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  • Abb. 18

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  • Abb. 19

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  • Abb. 20

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  • Abb. 21

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  • Abb. 22

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  • Abb. 23

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  • Abb. 24a

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  • Abb. 24b

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  • Abb. 25

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  • Abb. 26

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  • Abb. 27

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  • Abb. 28

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  • Abb. 29a

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  • Abb. 29b

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  • Abb. 29c

    Abb. 29c

Literatur