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Objektgruppe Keramik

Sonderformen

Tonmodel zur Herstellung von Papierreliefs

Motiv: Maria in horto concluso

FO: Lüneburg, Große Bäckerstr. 26
hart gebrannte rote Irdenware
urspr. Dm. ca. 13 cm
Mittelrhein, 15. Jahrhundert

Fragment eines Tonmodels
Tonmodel mit der Darstellung „Maria in horto concluso”

Auf dem Grundstück Große Bäckerstraße 26 wurde bei Ausgrabungen das Fragment eines Tonmodels gefunden. Auf der Vorderseite ist „Maria in horto concluso” (Maria im verschlossenen Garten) dargestellt. Auf dem Fragment sind ein Tor, zwei Flügelspitzen, Architekturelemente und senkrechte Stäbe zu erkennen.

grafische Vorlage
Metallschnitt des Monogrammisten d., Niederrhein um 1450/65 (12,8 x 9,1 cm)

Das vollständige Bildmotiv stellt dar: Maria sitzt im verschlossenen Garten (Hohelied Salomons 4, 12) auf Gideons Vlies (Richter 6, 36-40). Auf ihren Schoß springt das Einhorn, das nach der durch Physiologus überlieferten Legende so stark ist, dass kein Jäger es bezwingen kann. Einer reinen Jungfrau aber, also Maria, springt es in den Schoß und lässt sich von ihr streicheln. Das Tier symbolisiert den Heiland, die Jagd somit in einer mystischen Umdeutung die Verkündigung an Maria.

Der Verkündigungsengel Gabriel ist zugleich der Jäger mit Horn und Lanze, begleitet von Jagdhunden, die für die Tugenden stehen (Psalm 85, 11). Sie verharren vor dem verschlossenen Tor des verschlossenen Gartens (Ezechiel 44, 2).

Die weiteren Symbole charakterisieren die Reinheit Mariens: Aarons grünender Stab auf dem Altar (4. Mose 17, 16-28), der Turm Davids (Hohelied 4, 4), der versiegelte Born (Hohelied 4, 12), das Gefäß mit dem Manna aus der Wüste (2. Mose 16, 33). Neben dem Turm erscheint Gottvater im brennenden Dornbusch (Exodus 3).

Das Thema „Maria in horto concluso” tritt Anfang des 15. Jahrhunderts auf und findet besonders am Oberrhein, speziell auf Andachtsbildern, starke Verbreitung. Der Bildtypus Maria mit dem Einhorn wurde schließlich durch das Trienter Konzil (1545-63) verboten.

In einem Schrotblatt des niederrheinischen Monogrammisten d ist die graphische Vorlage des Models zu sehen. Der auch als Meister der Einhornjagd bekannte Künstler war um 1450/65 am Niederrhein tätig. Die Komposition des Modelbildes hält sich streng an die graphische Vorlage, lediglich die Architektur außerhalb des Gartens weicht ab.

Mit dem Tonmodel konnte man Papierreliefs, Metall- und Tonreliefs fertigen oder Backwerk bzw. Marzipan verzieren.

Der Herstellung von Papierrelief mit religiösen Themen kommt wohl eine größere Bedeutung zu. Unter dem Fund von Andachtsbildern im Kloster Wienhausen bei Celle befindet sich ein Papierrelief mit der Darstellung der Auferstehung Christi.

Autor: Edgar Ring

Literatur