Leder und Textilien

Ein Paar Frauenhandschuhe

FO: Baumstraße / Im Wendischen Dorfe
Gestricke
L.: ca. 21 cm, U.: ca. 20 cm
1.Hälfte 17. Jahrhundert

In den letzten Jahren wurden bei Ausgrabungen recht zahlreiche Textilfunde geborgen. Dabei reichte das Fundmaterial von Leinen- und Wollgeweben über geknüpfte Netze bis zu Strick- und Wirkwaren. Im Sommer 1998 führte die Stadtarchäologie Lüneburg eine Flächengrabung auf drei aneinander grenzenden Parzellen im Lüneburger Wasserviertel durch. Bei der Ausgrabung "Baumstraße" wurden in der Kloake 1, 3 - 3,5 m unter der Oberfläche, mehrere Gestricke geborgen. Aufgrund der mitgefundenen Keramik - Portugiesische Fayence aus der 1.Hälfte des 17. Jahrhunderts - dürften die Gestricke auch in dieser Zeit in die Kloake gelangt sein. Neben einem kompletten gestrickten Kniestrumpf und mehreren Strumpffragmenten trat dieses gestrickte Paar Handschuhe zu Tage. Es ist wohl ein zusammenhängendes Paar, denn beide Teile sind spiegelbildlich gearbeitet, d.h. je ein rechter und ein linker Handschuh. Obwohl die beiden Mittelhandflächen mehr oder weniger große Löcher aufweisen, sind die Handschuhe fast komplett erhalten. An den Rändern der Löcher sind aufgrund der Verfärbungen und Verklebungen möglicherweise Brandspuren erkennbar. Die textiltechnischen Analysen, d.h. die Untersuchung des Rohstoffes, der Garndrehung und der Farbe müssen noch durchgeführt werden.

Handschuhe aus Wolle

Bei einer ersten Reinigung in entmineralisiertem Wasser lösten sich fast alle Verschmutzungen, so dass bisher keine weitere Reinigung vorgenommen wurde. Auf Glasplatten wurden die Handschuhe zum Trocknen ausgelegt. Diese inzwischen recht spröden Gestricke, die aufgrund der Jahrhunderte langen Lagerung in der Kloake ihre Elastizität verloren haben, müssen mit geeigneten Tränkungsmitteln behandelt werden. Die wahrscheinlich aus Wolle gestrickten Frauenhandschuhe weisen von der Spitze des Mittelfingers bis zu dem Beginn der Handschuhstulpen am Handgelenk eine Länge von 21 cm auf. Der Daumen und der Zeigefinger sind 6 cm lang, der Mittelfinger 7 cm, der Ringfinger 6,5 cm und der kleine Finger 5,5 cm. Der Umfang um die Mittelhand beträgt ca. 20 cm; somit entsprechen diese Handschuhe nach heutigem Maß der Größe 7 ½ bis 7 ¾.

Beim Ausmessen der Reihen bzw. Runden und des Umfangs kann man den unterschiedlichen Schrumpfungsprozess deutlich erkennen, die trotzdem recht gut zählbaren Maschen und Runden lassen ein genaues „Maßnehmen” der Handschuhe zu. Dieses erfolgt bei den textiltechnischen Untersuchungen.

Seit dem Hochmittelalter ist das Stricken bekannt und es wurde auch hierzulande ausgeübt. Unter Stricken versteht man die Herstellung von textilen Flächen durch das Verschlingen eines endlosen Fadens zu Maschen. Gestrickt wird entweder mit Stricknadeln, Strickbrettern oder Strickmaschinen. Mehrere nebeneinander angeordnete Maschen bilden eine Maschenreihe - beim Rundstricken spricht man auch von Runden - und mehrere übereinander angeordnete Maschen bilden Maschenstäbchen.

Der Ursprung des Strickens lässt sich allerdings kaum feststellen. Die ältesten Funde von Maschenwaren fand man bei Ausgrabungen in Vorderasien und Ägypten aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Maschenwaren aus koptischen Gräbern - Socken, Beutel und Mützen - können in das 4. bis 6. Jahrhundert datiert werden. In norddeutschen Städten barg man bei Ausgrabungen Reste von Gestricken aus dem 12./13. Jahrhundert. Die Bezeichnung „Stricknadel” taucht erstmals im 15. Jahrhundert auf und die älteste Darstellung des Strickens stammt aus der Zeit um 1400. Auf dem Buxtehuder Altar des Meisters Bertram ist Maria zu sehen, wie sie mit vier Nadeln an einem Hemd strickt. Bisher durchgeführte Untersuchungen deuten darauf hin, dass bis in das frühe 17. Jahrhundert nur glatte Rechts-Links-Waren gefertigt wurden. Hierbei zeigt die eine Strickseite rechte und die andere Seite linke Maschen.

Die einfarbigen, gestrickten Handschuhe, die von dunkelbrauner Farbe sind, zeigen offene Maschen und das typische Warenbild von rechten und linken Maschen. Diese geschlossene Strickart wurde mit vier oder fünf Nadeln rund gestrickt. Während die Mittelhand und die Finger nur aus rechten Maschen bestehen, weisen die Stulpen verschiedene Muster auf. Zu Beginn wechseln je zwei Runden mit rechten und dann mit linken Maschen. Diese Musterung wiederholt sich dreimal. Danach folgen 10 Runden in sogenannter Rechts-Rechts-Ware, d.h. zwei rechte Maschen folgen zwei linken Maschen, wobei die linken Maschen jeweils nur zwei Runden gestrickt wurden und dann zwei Runden nur rechte Maschen folgen. Nun wiederholt sich die Musterung wie zu Beginn, d.h. mit einer dreimaligen Wiederholung wurden 2 Runden mit linken Maschen und zwei Runden mit rechten Maschen gestrickt. Die jetzt weiter nur mit rechten Maschen gestrickten Handschuhe haben an den Daumen keine Zwickel und die Fingerspitzen sind als sogenannte Sternspitzen ausgeführt. Als zusätzlicher Schmuck umrahmen gehäkelte Luftmaschenbögen die Stulpen der Handschuhe.

Autorin: Rotraut Kahle; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 59-61.
 

Literatur:
Jordan, Eva u. Klaus Tidow: Alte Spitzen, Gestricke und Stickereien. Veröffentlichungen des Fördervereins Textilmuseum Neumünster e.V., Heft 7 (Neumünster 1983).

Jordan-Fahrbach, Eva, Christine Stührenberg u. Klaus Tidow: Mittelalterliche Gewebefunde aus Einbeck. Einbecker Jahrbuch 47, 2000, 137-160.

Tidow, Klaus: Textiltechnische Untersuchungen an Gestricken und Filzen aus der Kloake der Fronerei auf dem Schrangen in Lübeck. Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte, 12, 1986, 183 -189.

Tidow, Klaus: Die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wollgewebe und andere Textilfunde aus Lübeck. Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte 22, 1992, 237-271.

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