Tonpfeifen

Tonpfeifen - Leitfossil der Neuzeitarchäologie

FO: Auf der Altstadt 29
Pfeifenton
Niederlande
17. Jahrhundert

Jede geschichtliche Epoche bietet dem Archäologen aus der Gesamtheit ihrer materiellen Hinterlassenschaften besondere Fundgattungen an, die zeittypischer und informationsbeladener sind als andere. Ist diese besondere Fundgattung kein seltenes Kunsthandwerk, sondern ein Massenprodukt mit überregionaler Verbreitung, und lässt sie für den Zeitraum ihres Auftretens eine typologische Entwicklung erkennen, spricht man von einem sogenannten „Leitfossil”. Mit dessen Hilfe lässt sich weniger typisches Fundmaterial besser einordnen. Die Rolle eines solchen Leitfossils und kulturgeschichtlichen Indikators kann man für die Neuzeit, besonders für das 17. und 18. Jahrhundert, den tönernen Tabakspfeifen zusprechen. Tonpfeifen sind aber nicht nur für Neuzeitarchäologen ein hochinformativer Gegenstand. Die europäische Tonpfeife und ihre Erforschung ist ein wichtiger interdisziplinärer Knotenpunkt zwischen Archäologie und Volkskunde/Ethnologie, Kultur-, Handwerks- und Drogengeschichte.

Pfeifenmacher

Tonpfeifenmacher: Blick in eine Pfeifenmacherwerkstatt um 1835 mit den einzelnen Arbeitsschritten Feilen, Bohren, Zuschneiden und Polieren (Pfennig-Magazin, Jg. 1835)

Vom späten 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert millionenfach hergestellt, sind sie in Europa in nahezu jedem Bodenbefund mit Siedlungsabfall dieses Zeitraums enthalten. Die Kopfformen, Dekore, Marken, Wappen, Orts- und Herstellernamen lassen eine detaillierte Ansprache zu. Eine Kombination aller Merkmale engt die Zuweisung häufig auf einen einzelnen Hersteller in einem bestimmten Ort für einen Zeitraum von wenigen Jahren ein. Ermöglicht werden diese detaillierten Erkenntnisse vor allem durch die bei der Tonpfeife in breitem Umfang anwendbare Parallelauswertung archäologischer, historischer (schriftlicher) und kunsthistorischer (bildlicher) Quellen.

Jonas-Pfeife

Jonas-Pfeife, Fragment aus Lüneburg
 

Jonas-Pfeife

vollständige Jonas-Pfeife aus Hoorn/NL mit der Aufschrigt „JONIS”, 1630er Jahre.
 

Dies gilt auch für Lüneburg, wo die Stadtarchäologie in der Altstadt zahlreiche Tonpfeifen gefunden hat. Da in Lüneburg keine Tonpfeifen hergestellt wurden, waren die Raucher stets auf Importe angewiesen. Tonpfeifenfunde aus der Zeit um 1650 zeigen die Abhängigkeit der Raucher von der Einfuhr niederländischer Produkte. Fundstücke mit Aufschriften wie "KNECHT/IN GARD" belegen, dass im 18. Jahrhundert deutsche Pfeifenbäcker etwa aus Großalmerode mit den Importen konkurrieren konnten. Eine Besonderheit stellten Tonpfeifen dar, welche Töpfer in einem zweiten Brand glasierten. Lüneburger Raucher bevorzugten offenbar, wie an vielen anderen Orten auch, grün glasierte Pfeifen. Das Glasieren war aber nicht Aufgabe der Pfeifenbäcker, sondern der Töpfer am Verbrauchsort, wie der Fund einer Brennhilfe in dem Töpferhaus "Auf der Altstadt 29" zeigt.

Seine politische Gesinnung konnte der Raucher offen zur Schau tragen, wenn er Tonpfeifen mit den Stielaufschriften „VIVAT BRAUNSCHWEIG” und „VIVAT LUNEBURG” rauchte. Sehr beliebt waren die Jonas-Pfeifen: Den Kopf der Pfeife schmückt das Haupt eines bärtigen Mannes, der den Raucher anblickt, und den Stiel bildet ein schuppiges Tier mit weit aufgerissenem Maul und langen Zähnen, das den Mann verschluckt. Dargestellt ist die biblische Geschichte von Jonas, der von einem Wal verschlungen wurde, schließlich aber wieder frei kam. Das Motiv verselbständigte sich im 17. Jahrhundert und löste sich von seinem religiösen Inhalt. Die in Lüneburg gefundene Jonas-Pfeife trägt eine "Lilie" als Marke und wurde in Hoorn/NL um 1650 hergestellt.

Autor: Martin Kügler; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 52-53.
 

Literatur:
Kluttig-Altmann, Ralf: Richtlinien für das Zeichnen von Tonpfeifen. In: KnasterKOPF -Fachzeitschrift für Tonpfeifen und historischen Tabakgenuss. 15, 2002, 85-89.

Knasterkopf - Mitteilungen für Freunde irdener Pfeifen [ab Bd. 14/2002: KnasterKOPF -Fachzeitschrift für Tonpfeifen und historischen Tabakgenuss], seit 1989 fortlaufend. Internet: www.knasterkopf.de

Kügler, Martin: „In Schlaffkammern und Stuben kein Taback.” Tonpfeifen aus dem Töpferhaus. In: Frank Andraschko u. a.: Ton - Steine - Scherben. Ausgegraben und erforscht in der Lüneburger Altstadt. De Sulte 6 (Lüneburg 1996), 136-148.

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