Holz / Leder und Textilien

Zwei spätmittelalterliche Trippen aus Lüneburg

FO: Große Bäckerstraße 27
Holz u. Rindleder, Zierschnallen aus Weißblech
L.: 26,3 cm u. 32,2 cm
14. oder 15. Jahrhundert

Die Straßen spätmittelalterlicher Städte waren meist in einem fast schon sprichwörtlichen Zustand: Pflaster war selten, hölzerne Wegbefestigungen etwas häufiger, doch selbst diese waren oft mit einer Schicht aus Abfällen und anderem Dreck bedeckt. Wer sich zu Fuß durch die Stadt bewegen wollte, fand also nicht gerade die besten Bedingungen vor, zumal das mittelalterliche Schuhwerk wesentlich weniger robust war als das heutige: Die wendegenähten Schuhe verfügten lediglich über eine einschichtige, dünne Ledersohle, die nur wenig Schutz gegen Feuchtigkeit und Kälte bieten konnte. Abhilfe versprachen hier so genannte Trippen - eine Art Sandalen mit unter Ballen und Ferse erhöhter Holzsohle, die als Schutz über (bzw. unter) den normalen Schuhen getragen werden konnten. Offensichtlich wurden Trippen aber nicht nur auf der Straße, sondern teilweise auch in Innenräumen getragen, wie aus zeitgenössischen Bildquellen ersichtlich ist. Dies verwundert nicht weiter, wenn man sich vergegenwärtigt, wie fußkalt es besonders im Winter in den mäßig beheizten Häusern gewesen sein dürfte. Eine dicke Holzsohle als Isolierung zwischen Bodenfliesen und Fuß dürfte da sehr angenehm gewesen sein.

Zeichnung der beiden Trippen

Lüneburg, Gr. Bäckerstraße 27,
Trippen aus einer Kloake.
 

Zwei ausgesprochen gut erhaltene Trippen aus dem 14. oder 15. Jahrhundert konnten auf dem Grundstück Große Bäckerstraße 27 in Lüneburg in den Resten einer Kloake gefunden werden (Abb. 1). Leider war der Befund durch den Bau eines Weinlagers bereits im 19. Jahrhundert bis auf eine Höhe von vier Ziegellagen abgetragen. Die Verfüllung enthielt Funde aus Spätmittelalter und früher Neuzeit, ohne erkennbare Schichten. Dadurch lässt sich die Datierung der Trippen nicht näher eingrenzen. Auch lässt sich die Kloake nicht mehr einer bestimmten mittelalterlichen Parzelle zuordnen, da die neuzeitliche Bebauung vor der Erstellung des lüneburger Urkatasters von 1875 entstand und die alten Parzellengrenzen in diesem Bereich aufhob.

Bei den beiden Trippen handelt es sich wie bei den meisten Schuhfunden um Einzelstücke - so findet sich beispielsweise unter den etwa 30 in Lübeck gefundenen Trippen lediglich ein zusammen gehörendes Paar. Was aus den „Gegenstücken” geworden sein mag, ist dabei ebenso unklar wie die Frage, warum die Funde in die Kloaken gelangten, in denen sie für gewöhnlich gefunden werden. Denn viele, so auch die beiden Trippen aus Lüneburg, sind in einem guten funktionsfähigen Zustand entsorgt worden. Möglich ist natürlich, dass jeweils die andere Hälfte eines Paares verloren ging o.ä. und die Einzelschuhe daher unbrauchbar wurden. Normalerweise dürften die verbliebenen ebenso wie beschädigte Holztrippen dann aber noch als Feuerholz genutzt worden sein, worauf Funde abgetrennter Trippenoberleder beispielsweise aus Hamburg hinweisen.

Die beiden Trippen aus der Großen Bäckerstraße sind fein gearbeitet und zeigen mit ihrer eleganten Form - beide spiegeln mit ihren langgezogenen Spitzen die zeitgenössischen Schnabelschuhe wieder -, dass sie neben dem Schutz des Schuhs auch eine Funktion als modisches Accessoire erfüllten. Dies zeigt sich auch an den schmalen Blechstreifen, die entlang der Kante verlaufen, an der das Oberleder an die Holzsohle genagelt ist. Entsprechende Verstärkungsstreifen, die wohl das Ausreißen des Leders an den Nagelstellen verhindern sollten, sind fast immer vorhanden, in der Regel jedoch aus Leder und nur in seltenen Fällen aus Metall. Dass sie im vorliegenden Fall sicher auch der Dekoration gedient haben, zeigt sich daran, dass die Blechstreifen zur Schuhspitze hin das Oberleder um einige Zentimeter überragen, ohne dass sich hierfür eine funktionale Begründung finden ließe.

Eine der beiden Trippen (Abb. 2) weist so gut wie keine Abnutzung auf. Wie Experimente mit nachgebauten Trippen gezeigt haben, traten jedoch bereits nach kurzer Zeit deutliche Gebrauchsspuren an den Sohlen auf, so dass das vorliegende Stück nur sehr wenig benutzt worden sein kann. Auffallend ist die extrem lange Schnabelspitze, die den Fuß vorne um knapp 10 cm überragt haben muss. Ob der Schuh, der in einer solchen Trippe getragen wurde, ebenfalls eine solch lange Spitze hatte oder nicht muss offen bleiben, da beide Varianten in bildlichen Darstellungen belegt sind.

Trippe 2

Trippe 2, Länge 26,3 cm, etwa Schuhgröße 32.
Sohle: Weide oder Pappel, Oberleder: Rind.
 

Die zweite Trippe (Abb. 3) aus der Großen Bäckerstraße ist offensichtlich längere Zeit in Gebrauch gewesen: Zum Einen ist das Holz besonders an der Spitze ausgefranst, zum Anderen lässt sich durch Vergleiche mit Trippenhölzern der gleichen Grundform erschließen, dass die Sohle ursprünglich deutlich höher gewesen sein muss, also stark abgelaufen ist. Die Trippe weist einige weitere interessante Details auf: Im Bereich des Ballens sind innen auf der Sohle rasterartig Linien eingeritzt. Da sie recht unregelmäßig sind und bei anderen Funden nicht vorkommen liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Modifikation des Trägers handelt, der damit den Halt des Schuhs auf der sonst glatten Oberfläche der Trippe verbessern wollte. Ungewöhnlich ist auch der Verschluss des Oberleders: Wie bei den meisten Trippen handelt es sich um einen Steckverschluss, d.h. das Oberleder besteht aus zwei grob dreieckigen Stücken, von denen das schmale Ende des einen durch ein halbkreisförmiges Loch im anderen gezogen und dort mit einem Nagel fixiert wird (Abb. 4). Allerdings ist hier zur Dekoration zusätzlich ein mit Perlrand verzierter, kleiner, D-förmiger Rahmen aus Weißmetall angebracht, der den Verschluss wie eine Schnalle wirken lässt. Ähnlich aussehende Rahmen kommen u.a. in Einbeck im 13. und 14. Jahrhundert vor, wobei es sich dort um richtige Schnallen handelt, die aber ebenfalls zumindest teilweise zu Trippenoberledern gehören.

Steckverschluss mit Schnalle

Steckverschluss mit Schnalle, darüber erkennbar die Ritzlinien an der Sohle.

Bei den beiden Lüneburger Funden dürfte es sich bei den Trägerinnen um Damen gehandelt haben: Die Trippen entsprechen ungefähr unseren Schuhgrößen 32 bzw. 33, was, auch wenn die durchschnittlichen Schuhgrößen etwas kleiner als die heutigen sind, zierlichen Damenfüßen oder Jugendlichen entspricht.

Besonders die langen Schnabelspitzen und die Metallapplikationen machen die Funde aus der Großen Bäckerstraße zu eleganten Schuhen, die eher zum Repräsentieren als zur alltäglichen Arbeit geeignet sind und daher auf ein gehobenes soziales Niveau der Trägerinnen hinweisen. Da in Lüneburg bisher nur diese beiden Stücke gefunden wurden, lässt sich hieraus aber nicht ableiten, dass es sich insgesamt um eine der Oberschicht zuzuweisende Schuhform handelt. Die größere Zahl der Funde aus Lübeck deutet allerdings gewisse Tendenzen dieser Richtung an: Dort treten Trippen häufiger in Bereichen der Stadt auf, wo vermehrt wohlhabende Kaufleute ihre Wohnsitze hatten. Dies könnte allerdings auch darin gründen, dass wohlhabende Stände die Verwertung von unbrauchbar gewordenen Trippen als Feuerholz weniger nötig hatten.

Tafelmalerei, Heiligentaler Altar

Kirchenvorsteher mit Trippen. Szene: Laurentius zeigt Kaiser Decius die Armen als den wahren Schatz der Kirche. Hans Bornemann, Heiligentaler Altar, 1447 (St. Nikolaikirche Lüneburg).
 

In der Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts finden sich zum Vergleich zahlreiche Darstellungen von Personen mit Trippen. Auch wenn dabei vom Diener, über den Handwerker bis zum Hochadel alle Stände vertreten sind, liegt auch hier ein deutlicher Schwerpunkt bei den vornehmeren Schichten. Dies gilt vor allem für die langen „Schnabelspitzen”. Den hier vorgestellten stark ähnelnde Trippen trägt beispielsweise ein Kirchenvorsteher auf einer Tafel des Heiligentaler Altars in der Lüneburger Nikolaikirche (Abb. 5). Auf einer anderen Tafel verteilt Laurentius den Kirchenschatz an Arme, unter denen ein verkrüppelter Bettler ist, der eine trippenähnliche Konstruktion an seine Unterschenkel geschnallt hat.

Dass bisher in Lüneburg nur zwei Trippen gefunden werden konnten, liegt wohl weniger an der Häufigkeit, in der es sie gegeben haben mag, als an den Umständen der Überlieferung: Zum einen dürften die meisten wie eingangs erwähnt ein Ende als Feuerholz erlebt haben, zum anderen sind die im Wesentlichen aus organischen Materialien bestehenden Trippen nur bei entsprechenden Lagerungsbedingungen nachweisbar, also beispielsweise in Kloaken. Unter anderen Umständen erhalten sich nur die Nägel und eventuell vorhanden gewesene Schnallen oder Beschläge - und diese können selten eindeutig Trippen zugeordnet werden. Durchaus möglich ist auch, dass sich unter den bisher unbearbeiteten Lederfunden noch das eine oder andere Trippenleder befindet.

Autor: Birthe Haak; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2004, 13-18.
 

Literatur:
Haak, Birthe: Trippen in norddeutschen Hansestädten. Herstellung, Funktion und Mode einer mittelalterlichen Schuhform. Unpubl. Magisterarbeit, Hamburg 2004.

Heege, Andreas, Marquita u. Serge Volken: Gerber und Schuster; in: Andreas Heege, Einbeck im Mittelalter. Eine archäologisch-historische Spurensuche, Oldenburg 2002, 294-299.

Vier Frauen in feiner Kleidung,
Schnabelschuh und Trippe,
Details einer Tafelmalerei um 1500:
Augustus und die Sibylle von Tibur
(Staatsgalerie Bamberg).

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